Niklas Luhmann ist angetreten, mit seiner Theorie sozialer Systeme der Soziologie eine facheinheitliche Theorie zu geben. Aus diesem Umstand erklären sich die hohe Abstraktheit und Komplexität dieser Theorie, denn nur so ist sie auf viele Sachverhalte anwendbar. Daß sie andere soziologische Theorien verdrängen wird, ist freilich zweifelhaft. Ein Grund dafür liegt sicherlich in der Begrenztheit jeder Theorie, sei sie auch noch so universalistisch konzepiert. So ist eine Systemtheorie in hohem Maße holistisch orientiert und muß individualistische Ansätze weitgehend außer Acht lassen. Daher wird "Liebe" auch nicht als individuelles Gefühl behandelt, sondern als Kommunikationsmedium, das die Bildung sozialer Systeme ermöglicht.
Die vorliegende Arbeit beginnt mit der Darlegung einiger Grundannahmen
der Theorie sozialer Systeme. Danach werden die Entwicklung des
Kommunikationsmediums Liebe und des Funktionssystems der intimen
Kommunikation dargestellt unter Rückgriff auf systemtheoretische
Annahmen gesamtgesellschaftlicher Entwicklung. In einer Schlußbetrachtung
werden kurz Probleme der Prognosefähigkeit vor allem der
Systemtheorie skizziert.
Die Theorie sozialer Systeme von Niklas Luhmann basierte ursprünglich auf der struktur-funktionalen Theorie von Talcott Parsons. Durch Luhmanns eigenständige Weiterentwicklung allerdings überwiegen inzwischen bei weitem die Unterschiede. Daher, und weil das eigentliche Thema dieser Arbeit ein anderes ist, soll kein Vergleich der beiden Theorien unternommen werden, sondern es soll lediglich eine wichtige Differenz als Ausgangspunkt für eine kurze Darstellung der Luhmannschen Theorie dienen, nämlich die unterschiedliche Behandlung des Problems der doppelten Kontingenz. Die Problematik, die in den unterschiedlichen Erwartungen und Erwartungserwartungen von Interagierenden liegt, war für Parsons nur lösbar mittels einer den Beteiligten bekannten und von ihnen als verbindlich anerkannten normativen Ordnung, anhand der sich stabile Handlungserwartungen ausbilden lassen (1). Luhmann dagegen gibt dem Begriff der Kontingenz eine modaltheoretische Definition, nach der das kontingent ist, was zwischen der Unmöglichkeit und der Notwendigkeit liegt, also auch anders sein könnte als es ist (2). Er verzichtet bewußt auf eine Lösung des Problems, sondern bezieht es in seine theoretische Konzeption mit ein. Die Unwahrscheinlichkeit der Interaktion kann zwar nicht aufgehoben, aber doch reduziert werden mit der Hilfe von Medien.
Die die unwahrscheinliche Interaktion wahrscheinlicher machenden
Medien beziehen sich nicht auf Handlungen, sondern auf Kommunikationen.
Diese haben gegenüber Handlungen den Vorteil, daß sie
per se sinnhaft und sozial sind, während ein soziologischer
Handlungsbegriff offenbar eine definitorische Erweiterung um diese
beiden Dimensionen benötigt (3). Kommunikation
ist nicht vorstellbar ohne einen Kommunizierenden (Alter) und
einen, der die Kommunikation empfängt (Ego), und kann somit
gar nicht anders als sozial sein. Daher kann es beispielsweise
zwar Kommunikation über Gott, aber keine mit ihm geben, da
keine Möglichkeit besteht, das Ankommen der Kommunikation
zu überprüfen oder gar eine Antwort festzustellen (4).
Die Sinnhaftigkeit der Kommunikation liegt begründet in ihrer
Selektivität. Jede Kommunikation ist eine Selektion aus einem
Horizont anderer Möglichkeiten, und zwar in dreifacher Hinsicht.
So prozessiert jede Kommunikation die Elemente Information, Mitteilung
und Verstehen. Die Information wird selegiert aus der Gesamtheit
des wißbaren Wissens. Die Mitteilung ist eine Auswahl aus
den Möglichkeiten, die als Mitteilungsverhalten zur Verfügung
stehen, und auch beim Verstehen, das heißt bei der Wahrnehmung
der Differenz von Information und Mitteilung, gibt es Alternativen.
Zumindest kann jede Kommunikation auch mißverstanden werden.
Entscheidend ist für Luhmann hierbei die Fortsetzungsfähigkeit
von Kommunikation, die keineswegs automatisch gegeben ist. Vielmehr
ist die Nichtfortführung die eigentlich wahrscheinlichere
Option. Allerdings kann über bestimmte Mechanismen wie Kommunikationsmedien
die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation in Wahrscheinlichkeit
transformiert werden, so daß selbst das Verstummen der Kommunikation
im Schweigen noch kommunikative Bedeutung haben und in einer Anschlußkommunikation
thematisiert werden kann. Beispielsweise kann Schweigen Mißachtung
ausdrücken und als ein beabsichtigter Achtungsentzug verstanden
werden, der einer Antwort bedarf. Gegebenenfalls können therapeutische
Kommunikationen angeschlossen werden.
Kommunikationen bilden als deren Letztelemente soziale Systeme. Diese begreift Luhmann seit dem Erscheinen seines bisherigen Hauptwerks "Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie" im Jahr 1984 als autopoietisch. Der Begriff der "Autopoiesis" entstammt der Neurobiologie und bezeichnet Systeme, "die die Elemente, aus denen sie bestehen, durch die Elemente, aus denen sie bestehen, produzieren und reproduzieren" (5). Daraus ergibt sich ein hohes Maß an Selbstreferentialität, da nur Kommunikationen an Kommunikationen anschließen können, um den Systemprozeß fortzuführen, und nicht etwa Bewußtseinsvorgänge. Letztere sind zwar nicht Elemente von sozialen Systemen, aber unabdingbare Voraussetzung aller Kommunikation. Auch das Bewußtsein läßt sich als autopoietisch verfaßtes System begreifen, dessen Letztelemente freilich nicht Kommunikationen, sondern Gedanken sind. Das besondere, von hoher gegenseitiger Bedingtheit und Irritationsfähigkeit geprägte Verhältnis zwischen sozialen und psychischen Systemen wird als strukturelle Kopplung bezeichnet. Psychische Systeme stellen ihre systemeigene Komplexität zur Verfügung zum Aufbau von sozialen Systemen; nur so ist in diesem Theorierahmen die Inklusion einzelner in Kommunikationssysteme vorstellbar.
Aus der Selbstreferentialität der sozialen Systeme ergibt
sich, da nur Kommunikationen die Systeme perpetuieren können,
ihre operative Geschlossenheit. So konstituieren sich die Systeme
unter Einschluß der systemeigenen Operationen und unter
Ausschluß einer systemeigenen Umwelt. Es gibt daher keinen
Austausch zwischen System und Umwelt, keinen Input oder Output,
die in älteren Systemtheorien noch explizit vorgesehen waren.
Allerdings operieren Systeme deshalb noch nicht "blind",
das heißt ohne Kenntnis ihrer jeweiligen Umwelt. Vielmehr
kopieren sie die das System konstituierende Unterscheidung von
System und Umwelt in sich selbst. Damit prozessieren sie eine
Paradoxie, nämlich die von Selbstreferenz und Fremdreferenz.
Durch das "Re-entry", also die Wiedereinführung
der System-Umwelt-Unterscheidung in die Unterscheidung von System
und Umwelt auf der Seite des Systems (6), kann
das System sich in seinen Operationen auf sich selbst beziehen
oder auf etwas außerhalb seiner selbst, wobei auch die fremdreferentiellen
Operationen niemals die Systemgrenze überschreiten. Daher
kommt es zu dem Paradox, daß fremdreferentielle Operationen
zugleich selbstreferentiell sind, sich nämlich nur auf die
Operationen des eigenen Systems beziehen können. Allerdings
kann das System diesen Widerspruch selbst nicht feststellen, da
es dafür die Einheit der Unterscheidung von Selbst- und Fremdreferentialität
mit einer seiner Operationen bezeichnen müßte, doch
die Operationen selbst sind ja entweder selbst- oder fremdreferentiell.
Das System kann zwar die Seite der Unterscheidung wechseln, vermag
aber nicht die Einheit der Unterscheidung zu bezeichnen. Durch
diese, für das System unsichtbare Paradoxie ergibt sich,
daß die Kenntnis der Systeme von ihrer Umwelt jeweils systemspezifisch
ist, sich somit aus den vorhergehenden Operationen des Systems
ergibt.
Es lassen sich verschiedene Typen von sozialen Systemen unterscheiden, nämlich Interaktions- und Organisationssysteme sowie das Gesellschaftssystem. Die Gesellschaft umfaßt alle Kommunikationen, das heißt es gibt keine Kommunikationen in der Umwelt des Gesellschaftssystems. Interaktionssysteme, also Kommunikationen unter Anwesenden, und Organisationen differenzieren sich aus der Gesellschaft aus, indem sie in der Gesellschaft jeweils eine neue System-Umwelt-Unterscheidung etablieren. Mittels der verschiedenen Arten gesellschaftlicher Differenzierung läßt sich eine weitere, eher historische Typologie formulieren. So kann man unterscheiden zwischen segmentären, stratifizierten und funktional differenzierten Gesellschaften. Als segmentär lassen sich einfache, sehr interaktionsnahe, weil in der Regel schriftlose Gesellschaften bezeichnen, die in einander im Prinzip gleiche Segmente wie Familien, Clans, Sippen oder Stämme aufgeteilt sind. Stratifikation war der Differenzierungstyp der vormodernen, in hierarchisch geordnete Schichten und Stände ("Strata") gegliederten Gesellschaft. Auch in der stratifizierten Gesellschaft war Familie von großer Wichtigkeit, wurden doch die Einzelnen über die Zugehörigkeit zu einer Familie den Schichten zugeordnet. Die moderne, das heißt die funktional differenzierte Gesellschaft hat für die unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionen wie zum Beispiel Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Religion und Erziehung eigene Subssysteme ausdifferenziert. Die funktionale Differenzierung schließt im übrigen Stratifizierung nicht aus, transformiert sie aber in Probleme der Inklusion in Funktionssysteme und der Exklusion davon. Thematisiert wird diese Problemlage daher auch typischerweise als ausreichende oder defizitäre Sozialisation und nicht als Frage der Vererbung von Standesprivilegien.
Durch den Übergang von der stratifizierten zur funktional
differenzierten Gesellschaft entstanden Verhaltens- und Kommikationsunsicherheiten,
da die einzelnen Schichten sich auflösten und keine schichtspezifischen
Verhaltensnormen mehr zur Verfügung standen (7).
Zudem verschwand in zunehmendem Maße mit der Durchsetzung
des Buchdrucks und der Alphabetisierung der Bevölkerung die
Notwendigkeit der Interaktion unter Anwesenden. Damit wurde die
Wahrscheinlichkeit von Kommunikation und mit ihr die Wahrscheinlichkeit
der Systemfortsetzung erheblich vermindert. Sich herausbildende
Kommunikationsmedien jedoch erhöhten wieder die Wahrscheinlichkeit
von Kommunikation und ermöglichten die Ausbildung von Funktionssystemen.
So konnte sich beispielsweise mittels des Mediums Wahrheit das
gesellschaftliche Subsystem der Wissenschaft herausbilden. Andere
Beispiele sind das Rechtssystem mit dem Medium Recht oder das
politische System und sein Kommunikationsmedium Macht. Das Funktionssystem,
um das es in dieser Arbeit gehen soll, ist das System der intimen
Kommunikation mit seinem Medium Liebe.
Die Entstehung eines symbolisch generalisierten Mediums und eines gesellschaftlichen Funktionssystems, nach deren Semantik die Liebenden gehalten sind, jeweils die Individualität des anderen in das eigene Handeln und Kommunizieren miteinzubeziehen, erforderte, wie leicht einzusehen ist, die Möglichkeit, sich selbst und andere als Individuen und nicht primär als Angehörige einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht wahrzunehmen. Daher mußte die vormoderne Begrifflichkeit der Individualität, mit der man sich der Unsterblichkeit der Seele versicherte, ihre angestammte Bedeutung verlieren. Nach dieser alten Vorstellung konnte nur das Bestand haben, was nicht teilbar ("in-dividus") war. Daher war es in eschatologischer Hinsicht von höchster Wichtigkeit, den Menschen als Individuum zu konzeptualisieren, als ein mit einer unteilbaren und deshalb unsterblichen Seele ausgestattetes Wesen (8). Das bedeutet freilich nicht, daß dieser Bedeutungswandel auch sofort als ein solcher bemerkt worden wäre.
Vielmehr entstanden neue Begrifflichkeiten und entwickelten sich
zu neuen Konzepten. So ist für das 17. Jahrhundert das Auftauchen
von Vorstellungen "der Selbstliebe, des wohlverstandenen
eigenen Interesses, der Selbstbeherrschung" (19)
in den Beschreibungen der Oberschicht, die immer noch die gesellschaftlich
bestimmende Schicht war, zu verzeichnen. Diese Entwicklung korrespondierte
mit dem verstärkten Motivverdacht religiöser Bewegungen
(Jansenismus und Pietismus), die zu der Einsicht gelangten, daß
auch das von der christlichen Religion geforderte altruistische
Verhalten egoistische Züge tragen konnte, indem man eine
egoistische Befriedigung im eigentlich altruistischen Handeln
fand. Das Mißtrauen den eigenen Motiven gegenüber erforderte
eine ständige Selbstbeobachtung mittels Introspektion, die
zwar das Problem nicht löste, sondern eher verschärfte,
aber die Aufmerksamkeit auf eigene, individuelle Eigenschaften
und Charakterzüge lenkte und den sich selbst Beobachtenden
es ermöglichte, im verstärkten Maße die Differenzen
gegenüber anderen wahrzunehmen (10). Insbesondere
für die Oberschicht war der generelle Motivverdacht problematisch,
gehörte der altruistische Dienst doch zum adeligen Selbstverständnis
(11). Auch und gerade in der Liebe bestand die
Pflicht des Dienens. Dem entsprachen Standesgrenzen, die die Nichteinlösung
der Liebesversprechen garantierten und sie analog der Gottesliebe
auf eine mystische Ebene der Vereinigung (unio) hoben. Im 17.
Jahrhundert wurde die Entscheidung über die Unerreichbarkeit
der Frau überlassen, was ein gewisses Maß an erwartbarer
Selbstbeherrschung (siehe oben) voraussetzte. Wenn man aber der
geliebten Frau das Recht der Selbstbestimmung zusprach, mußte
es auch dem liebenden Kavalier gewährt werden. Dieser liebte
nun allerdings kein Ideal mehr, das quasi per definitionem unerreichbar
war. Daraus ergab sich das oben bereits beschriebene Problem der
doppelten Kontingenz, das Problem der unsicheren Erwartungen und
Erwartungserwartungen. So entwickelte sich, wenn auch erst in
Ansätzen, ein Medium, das die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation
in Wahrscheinlichkeit transformierte. Dieser erste Ansatz war
das Konzept der passionierten Liebe, die selbstverständlich
außerhalb der Ehe stattfand, da die Gesellschaft immer noch
primär über Stratifikation differenziert war und man
bei Eheschließungen Rücksichten dynastischer und machtpolitischer
Art nehmen mußte (12). Aus einer ständisch
geprägten Wahrnehmung heraus konnte man auch das neue Liebeskonzept
nicht freihalten von Idealisierungen, denn wenn auch Oberschichtangehörige
wie alle anderen als Menschen aufgefaßt wurden, so waren
sie dies doch in gewissermaßen höherem Grade. Adelige
waren sozusagen die "Musterexemplare" der Gattung Mensch
(13). Daher genügte in der damaligen Liebesliteratur
meist die Angabe des Namens und des Rangs einer Person, um sie
ausreichend zu charakterisieren. Im übrigen trug die Literatur
starke Züge einer Anleitung für Galanterie und Verführung.
Trotz der sich manifestierenden Situation der doppelten Kontingenz
und der damit verbundenen Verhaltensunsicherheit fühlte man
sich noch stark der vormodernen Semantik verbunden, die die Ideen
und Vorstellungen nach der Unterscheidung von Perfektion und Korruption
ordnete. Es mußte nach damaligem Verständnis einfach
eine perfekte, das heißt unbedingt sichere Methode der Verführung
geben, auch wenn der Verführer durch eigene Erfahrungen eines
besseren belehrt worden war. Allerdings gehörte das Verzögern
der letzten Gunst durchaus zur Semantik der passionierten Liebe.
Analog zu den Perfektionsvorstellungen der literarischen "Rezeptologie
der Liebe" (14) lassen sich die bestehen
bleibende Idealisierung des Liebesobjekts und die Selbsteinschätzung
des Adels begreifen.
2. 2 Bürgerliche Tugend und Inkommunikabilität
Auch in der weiteren Entwicklung der Liebessemantik im 18. Jahrhundert läßt sich noch kein entscheidender Einschnitt, lassen sich noch kein autonomes symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium für Liebe und kein entsprechendes operationell geschlossenes Funktionssystem konstatieren. Die zunehmende Freigebung der Sexualität für die Oberschicht stieß von bürgerlicher Seite auf Kritik. Die Denunziation dieser libertinistischen Praxis mittels einer ebenfalls dem Libertinismus entspringenden pornographischen Literatur wurde vor allem als politisch bedenklich, das heißt als die Oberschichtherrschaft gefährdend eingeschätzt und infolgedessen verboten. Insbesondere in England kritisierte man, allerdings nicht pornographischer Form, die vor allem für Frankreich als typisch empfundene Sittenlosigkeit und propagierte ein anderes Konzept, das sich zwar auf die Ehe, dabei aber sich sehr stark auf ein Sexualität ausschließendes Freundschaftsideal bezog. Konsequenterweise mochte man dies auch kaum "love" nennen. Auch Versuche, Liebe stärker an ein bürgerliches Tugendideal zu binden, scheiterten. So bestand das Ende der einschlägigen Literatur meist im Tod der tugendhaften Heldin. Als prototypisch anzusehen sind dabei für England Richardsons "Clarissa" und für Deutschland Lessings "Emilia Galotti". Man kann diese Texte auch lesen als Kampf der Heldinnen um Anerkennung durch den Verführer als individuelle Persönlichkeit, die sich in der Tugendhaftigkeit manifestiert, die sie den Annäherungs- und Verführungsversuchen entgegensetzen. Vor dem bereits angesprochenen Hintergrund des religiös begründeten Motivverdachts und der bei Frauen noch hinzukommenden, als schwächer eingeschätzten Verfassung konnten die Heldinnen sich die erotische Attraktivtät des Verführers nicht eingestehen (so Clarissa) oder mußten sich seinem Zugriff und dessen möglicherweise nicht zu widerstehender Anziehung auf endgültige Art und Weise entziehen (so Emilia). Auf jeden Fall war das Bemühen um gegenseitige Annerkennung, denn auch die Verführung läßt sich als Streben nach Anerkennung interpretieren, zum Scheitern verurteilt.
Dieses Scheitern läßt sich auch betrachten als Ausdruck
für eine Entdeckung des 18. Jahrhunderts: der Inkommunikabilität
(15). Das Problem bestand nicht mehr in einem
Mangel der Geschicklichkeit in der Kommunikation oder der Unmöglichkeit
der Kommunikation zwischen Angehörigen unterschiedlicher
Stände, sondern es tauchten prinzipielle Kommunikationsschranken
auf. So konnte man beispielsweise nicht aufrichtig kommunizieren,
das heißt man konnte der Aufrichtigkeit der Kommunikation
nicht sicher sein. Männer erschienen nicht nur in Romanen
als unaufrichtig, wobei freilich die Lektüre von Romanen
diesen Eindruck begründete oder zumindest bestärkte.
Der bereits mehrfach angesprochene religiöse Verdacht gegenüber
den eigenen Motiven und der besondere Anspruch, der an Frauen
gestellt wurde, nämlich bestimmte Motive, wie die sexueller
Natur, sich nicht einzugestehen, förderten einen generellen
Zweifel an der Möglichkeit, aufrichtig zu kommunizieren.
Insbesondere für Intimbeziehungen und ein die Intimbeziehungen
ermöglichendes Kommunikationsmedium stellte diese Lage ein
Problem dar. Allerdings wurde dadurch die weitere Entwicklung
nicht verhindert, sondern vielmehr die Fortsetzung in eine bestimmte
Richtung dirigiert.
Am Ende des 18. Jahrhunderts machte man eine weitere, die Entwicklung der Liebessemantik bestimmende Entdeckung. Man begann, den Menschen als Subjekt zu betrachten, und trug damit den sozialstrukturellen Veränderungen des Übergangs von einer stratifizierten zur funktional differenzierten Gesellschaft Rechnung. Die Inklusion weiter Teile der Bevölkerung in Funktionssysteme erforderte von ständischen Beschränkungen befreite Menschen, denen zudem eine eigene, das heißt nur aus sich selbst begründbare Handlungsfähigkeit zukam (16 ). Reflektiert wurde diese Innovation in der Transzendentalphilosophie Kants und Fichtes. Danach zeichnete sich das Subjekt aus durch seinen subjektiven Weltbezug, waren es nun Anschauungsformen und Verstandeskategorien oder das sich selbst setzende Ich. Auf jeden Fall war das Subjekt, systemtheoretisch ausgedrückt, mit einem hohen Maß an Selbstreferentialität ausgestattet.
Die romantische Liebe verlangte nun, diese hohe Selbstreferentialität beim Partner auszuhalten und in der höchstpersönlichen Kommunikation so weit wie möglich zu teilen. Je individueller und "subjektiver" der Weltbezug des Einzelnen erschien, desto unwahrscheinlicher wurde die Kommunikation. Die Entwicklung eines Mediums für intime Kommunikation reagierte auf diese Situation und ermöglichte die Ausdifferenzierung und operationelle Schließung eines gesellschaftlichen Funktionssystems. Zu Operationen des Systems wurden alle Kommunikationen, die sich auf die Liebessemantik und den binären Code (oder: die Leitdifferenz) des Funktionssystems bezogen. Das System setzte sich nur mit diesen Operationen fort. Als sinnvollste Annahme für den Liebescode erscheint die Unterscheidung von Liebe und Nichtliebe analog zur Codierung der Wissenschaft mittels Wahrheit und Unwahrheit oder des Rechts über die Recht-Unrecht-Differenz. Orientierte sich das System nur an einem Wert, so wäre mit seinem Erreichen der Systemprozess beendet. Daher sind zwei erreichbare Werte vorgesehen, von denen allerdings einer präferiert wird, da sonst das System in einer Paradoxie steckenbliebe, denn die beiden Codewerte schließen einander aus und können nicht gleichzeitig gelten. So geht es im Rechtssystem um Recht und nicht um Unrecht. Die Wissenschaft bemüht sich um Wahrheit und nicht um Unwahrheit. Die Bestimmung auch von Unrecht und von Unwahrheit ist dabei notwendig. Diese Orientierung des Systems an einer Unterscheidung und nicht an einem Wert trägt einer grundsätzlichen kommunikativen Möglichkeit Rechnung, nämlich die Selektionsofferte, denn das ist eine Kommunikation (siehe oben), anzunehmen oder auch abzulehnen. Mit der Befreiung von der elterlichen Autorität, die bereits im 18.Jahrhundert begann, und mit dem Zurücktreten von dynastischen Rücksichten respektive der Inklusion von Bevölkerungsteilen, die keine dynastisch-machtpolitischen Rücksichten, sondern allenfalls familiäre kannten, konnte in der Kopplung von Liebe und Ehe die Entscheidung den Liebenden (oder eben: den Nichtliebenden) über Annahme oder Ablehnung von Selektionsofferten überlassen werden. Mit Annahme eines angetragenen Liebesangebots ließ man sich immerhin auf die Annahme einer ganzen "Weltselektion", also die Selektion einer individuellen und daher einzigartigen Weltsicht ein. Allerdings konnte man mit der Annahme die Erwartung verknüpfen, daß die eigene, ebenso unverwechselbare Weltsicht akzeptiert und übernommen wurde. Die Liebessemantik verlangte es dabei, die bestehende Wahlmöglichkeit nicht als solche zu reflektieren, sondern die getroffene oder noch zu treffende Entscheidung für einen Partner als notwendig und unvermeidlich zu betrachten (17). Der Kontingenzcharakter der Entscheidung wurde invisibilisiert. Dieses hing zusammen mit der Höchstrelevanz der Entscheidung, handelte es sich doch um die Wahl eines ganzen Weltbezugs. Zwar läßt sich sagen, daß prinzipiell jedes System über die Unterscheidung von System und systemeigener Umwelt die Welt in ein Innen und ein Außen aufteilt und mittels fremdreferentieller Operationen auf systemspezifische Weise, die von den durch bisherige Operationen gebildeten Strukturen abhängt, einen eigenen Weltbezug etabliert, doch gibt es kein anderes Funktionssystem, das einen individuellen Weltbezug der inkludierten Einzelnen beim Aufbau und Perpetuieren des Systemprozesses zuläßt oder gar fordert. Aus diesem besonderen Charakter des Systems der intimen Kommunikation ergaben sich Höchstrelevanz und Ausschließlichkeit der Liebessemantik. Es wurde im Konzept der romantischen Liebe erwartet, daß einem der Partner, die Liebe zu ihm und der gemeinsame Weltbezug das Höchste und Wichtigste war. Daraus ergab sich die Monopolstellung der Liebesbeziehung, neben der es keine gleichrangigen anderen Beziehungen geben konnte. Die Liebe okkupierte somit auch den Bereich, der vormals als der für den Menschen wichtigste betrachtete wurde: der des religiösen Heils. Offenbar verliert die alte Einheitssemantik ihre gesamtgesellschaftliche Relevanz und verkümmert zu einem Funktionssystem unter mehreren (18). Der Liebescode beerbte zudem die religiöse Semantik.
Die Beschränkung auf nur einen Partner unter Exklusion aller anderen wurde oftmals mißverstanden als Ausdruck des bürgerlichen Possesivindividualismus. Diese Auffassung überrascht insofern nicht, als daß auch für Besitz ein Ausschließungsverhältnis vorliegt: Was dem einen gehört, kann nicht dem anderen auch gehören. Allerdings liegt einer solchen Vorstellung eine falsche Systemreferenz zugrunde, denn Eigentumsverhältnisse werden im Wirtschaftssysstem geregelt. Auch letzteres differenziert sich mittels eines symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums aus, nämlich mittels Geldes. Bei der Beobachtung dieses Prozesses fällt auf, daß in der modernen Gesellschaft eben nicht mehr alles für Geld zu haben ist, wodurch sich ein deutlicher Unterschied zum Mittelalter manifestiert. Die Funktion der modernen, monetär geregelten Wirtschaft läßt sich beschreiben als Verteilungsregulierung von knappen Gütern über den Geldmechanismus. Geld wirkt dabei aber sozial entdiskriminierend, so daß der Zugriff auf Güter nur von der Zahlungsfähigkeit abhängt. Es muß keinerlei Verständnis aufgebracht werden für den Handelspartner und seinen jeweiligen Weltentwurf. Man kann solche wirtschaftlichen Beziehungen als entfremdet beschreiben, doch die erhebliche Differenz zur höchstrelevanten Berücksichtigung des Liebespartners läßt sich nicht leugnen.
Das Konzept der romantischen Liebe hat zwar die Geschlechterdichotomie nicht aufgehoben, sondern beruhte explizit darauf, hat sie aber in einigen, für das Funktionssystem wichtigen Punkten enthierarchisiert. Der Umstand, daß ein Mann liebte, war nicht bedeutender als die Liebe einer Frau. Frauen waren nicht nur Liebesobjekt des Mannes, sondern auch liebendes Subjekt. Betrachtet man ältere Vorstellungen, die die Frau oftmals als minderwertig behandelten, enthält das romantische Liebeskonzept durchaus emanzipatorische Züge. So war es erwünscht und vorgesehen, daß auch Frauen die Liebeswahl eigenständig trafen und gegenbenenfalls auch ablehnten. Es scheint, daß diese Gleichberechtigung sich schließlich asymmetrisiert hat und die Annahme oder Verneinung des Liebesangebots ein weibliches Vorrecht wurde. Man kann daher die Literatur bereits des 18. Jahrhunderts auch so rezepieren, daß Heldinnen wie Clarissa oder Emilia (siehe oben) für das Selbstbestimmungsrecht in den Tod geschickt wurden, wenn insbesondere bei Emilia noch unter starker Einbeziehung der väterlichen Autorität.
Mit der Totalisierung des Partnerbezugs läßt sich die
konstitutionelle Interaktionsverwiesenheit der romantischen Partnerschaft
plausibilisieren. Liebende sind nur glücklich, wenn sie beisammen
sind. Das Funktionssystem der intimen Kommunikation differenziert
nur Interaktionssysteme aus, keine Organisationen. Daher ist die
Geschichtsbildung und -tradierung des Paares auf das Gedächtnis
der Beteiligten angewiesen und kann nicht oder nur kaum (Liebesbriefe)
auf schriftliche Fixierung der Erinnerung zurückgreifen.
Klischeehafterweise sind es dabei vor allem die Männer, die
die partnerschaftliche Harmonie durch das Vergessen von Daten
(Jubiläen, Hochzeitstage, Geburtstag der Partnerin) und der
Begleitumstände dieser wichtigen Ereignisse gefährden.
Daß auch die Bedeutung der gegenseitigen Wahrnehmung, nicht
nur der Kommunikation, in den Interaktionskontext gehört,
ist nicht zu leugnen. Dabei sei die "Augensprache",
über die kommunikationslose Verständigung erreicht wird,
nur kurz erwähnt. Wichtiger ist, daß die romantische
Liebe Ehe und Sexualität gekoppelt hat. Die sexuelle Präferenz
für dyadische Struktur leuchtet unmittelbar ein, wobei die
romantische Liebe vor allem in ihrem Aspekt der Exklusion Dritter
die Situation zuspitzte. Die Sexalität wurde "zur schambesetzten
Kernzone der dyadischen Exklusivität" (19).
Das führte schließlich zur Reformulierung der "Geschlechtermetaphysik"
(20). Die geschlechtlich polarisiert aufgefasste
Liebe wurde zum bestimmenden Geschlechterverhältnis (21).
Das Fortschreiten der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft verbessert und verschlechtert zugleich die Möglichkeiten romantischer Liebe, was im übrigen eine typische Einschätzung der modernen Gesellschaft durch die Systemtheorie darstellt: Sowohl die positiven als auch die negativen Aspekte nehmen in der sich fortsetzenden Modernisierung zu. Die Umstellung des Differenzierungstyps der Gesellschaft von Stratifikation auf funktionale Differenzierung hatte die Individuen aus ständischen Verhältnissen entlassen. Daraus ergab sich die Möglichkeit respektive Notwendigkeit, sich nicht mehr nur durch Inklusion in ein gesellschaftliches Subsystem zu verorten, sondern an mehreren Teilsystemen zu partizipieren. Die funktionalen Teilsysteme operieren als autopoietische Systeme selbstreferentiell, müssen sich dabei aber einer systemeigenen Umwelt anpassen, über die sich die Systeme nur nach Maßgabe der eigenen Codierung und Strukturen mittels fremdreferentieller Operationen informieren können (siehe oben). So sind von der Notwendigkeit, auch an anderen Systemen zu partizipieren und nicht nur am System der intimen Kommunikation, Liebende nicht ausgenommen. Daher ist die, wie aus den obigen Aussagen hervorgeht, hochanspruchsvolle Konzeption der romantischen Liebe nicht aufrecht zu erhalten. Der übernommene Weltbezug des jeweils anderen kann nicht der einzige Weltbezug eines Individuums sein. Diese Relativierung verträgt sich, wie leicht ersichtlich ist, überhaupt nicht mit dem Totalitätsanspruch der romantischen Liebe. Letztere muß, um größeren Gruppen der Bevölkerung beziehungsweise im Prinzip jedem die Teilnahme zu ermöglichen, ihre Semantik verändern; man könnte auch sagen: trivialisieren (22).
Im Prozess der Evolution greifen Funktionssysteme, die ebenso wie andere autopoietische Systeme strukturdeterminiert sind, auf bereits vorhandene systemeigene Strukturen zurück. Für die Liebessemantik war, wie oben dargestellt, die Geschlechterdifferenz von hoher Bedeutung. Folglich wurde diese in ihrer Bedeutung noch gesteigert und so mittels Radikalisierung trivialisiert. Die Folgen bestanden in der Exklusion der Frauen von den meisten anderen Funktionssystemen und der fast ausschließlichen Beschränkung auf den Haushalt, die Kindererziehung und die Unterhaltung des Ehemanns. Diese strikte Rollentrennung galt freilich nur, wenn das Einkommen des Mannes sie zuließ. Trotz der Beschränkung der Frau nicht nur auf die Kindererziehung, sondern damit verbunden und die häusliche Existenz quasi begründend auch auf die biologische Reproduktion (den symbiotischen Mechanismus des Funktionssystems) entwickelte sich eine restriktive Sexualmoral. Daß diese Moral geschlechterspezifsch formuliert wurde, überrascht nach den bisherigen Ausführungen nicht. Irritierend dagegen ist die gleichzeitige Betonung der biologisch-reproduktiven Aufgaben und der sexuellen Enthaltsamkeit der Frau. Das Bestreben um eine eindeutige Zurechnung der Vaterschaft erscheint als Argument nicht ausreichend zu sein, erforderte dieses Attributionsproblem doch nicht die Verleugnung der weiblichen sexuellen Empfindungsfähigkeit mittels Moral. Allzu lange konnte dieses Konzept offenbar auch nicht aufrecht erhalten werden, denn im späten 19. Jahrhundert tauchten für die Männer sowohl angst- als auch lustbesetzte Frauenfiguren wie die "femme fatale" auf, die im Unterschied zu den Frauen, die dem Keuschheitsideal entsprachen, sexuell übercodiert waren. Für die Gefährdung, die sowohl von der "femme fatale" als auch der beginnenden Frauenemanzipation für die ebenfalls übersteigerten Virilitätsvorstellungen ausging, zeugt eine wohl zu Recht konstatierte "Fetischisierung der Virginität" (23). In diesem Zusammenhang mag man den von Freud festgestellten Penisneid mittels einer differenzlogischen Operation des Seitenwechsels der Unterscheidung ("crossing") als Kastrationsangst und somit generalisiert als Angst vor dem Virilitätsverlust auffassen.
Die weitere Entwicklung von Medium und Funktionssystem ist gekennzeichnet
vom Zurücktreten der Zweitcodierung männlich/weiblich
und damit zusammenhängend vom Emanzipationsstreben der Frauen.
Der Umstand, das es sich um eine zweiseitige Unterscheidung handelt,
macht deutlich, daß weibliche Emanzipation auch die andere
Seite der Unterscheidung betrifft. Daher hat auch das männliche
Streben nach wehrhafter Virilität abgenommen. Zumindest finden
keine Duelle mehr statt, und das burschenschaftliche Mensurfechten
ist ein lediglich marginales Phänomen. Darin läßt
sich auch ein Effekt der funktionalen Differenzierung anderer
gesellschaftlicher Subsysteme wie der Politik sehen, die nicht
mehr abhängt von gesellschaftlicher Stratifikation, war doch
das Duell eine Praxis der Oberschicht, die vom Bürgertum
nachgeahmt wurde. Im Zuge der Emanzipation sind Frauen nicht mehr
generell von der Inklusion in gesellschaftliche Teilsysteme ausgeschlossen.
Doch bleibt diese Entwicklung ebenfalls nicht problemlos, sondern
erzeugt eigene Probleme. Daß die anspruchsvolle romantische
Liebe trivialisiert werden mußte, um eine Gesamtinklusion
zu ermöglichen, ist oben bereits dargestellt worden. Daß
die sich über die zunehmende Inklusion auch der Frauen steigernde
Individualität von nun beiden Partnern negative Auswirkungen
auf die Möglichkeit der Paarbildung und den Fortbestand der
Partnerschaft hat, ist ersichtlich, spricht aber nicht gegen Emanzipation,
sondern lediglich für eine Änderung der Liebessemantik.
Welche Veränderungen in diesem Bereich zu erwarten sind,
bleibt abzuwarten.
Die oben konstatierte hohe Geltung der Geschlechterdifferenz ist
heute zwar nicht verschwunden, aber begrüßenswerterweise
sehr stark abgeschwächt. Offenbar liegt darin eine gewisse
Notwendigkeit, da eine Unterscheidung entweder asymmetrisiert
sein muß, um die Anschlußfähigkeit an einer Seite
der Unterscheidung zu gewährleisten, oder verschwinden muß.
Vieles spricht dafür, daß die Unterscheidung von männlich
und weiblich nur noch in wenigen Bereichen eine untergeordnete
Rolle spielen wird, da sich wohl kaum ein Funktionssystem ausdifferenzieren
wird mit dieser Leitunterscheidung. Vielmehr wird auch die Liebessemantik
zunehmend indifferent gegenüber geschlechtlichen Unterscheidungen,
wofür die Aufwertung und Entkriminalisierung von Homosexualität
sprechen. Voraussetzung dieser Aussagen ist freilich die Fortsetzung
des bisherigen Systemprozesses. Das gilt für die Funktionssysteme
und die alle Kommunikationen umfassende Gesellschaft. Auf jeden
Fall ist in diesem hier skizzierten Theorierahmen die Interventionsmöglichkeit
höchst gering, konzeptualisiert er doch Systeme als autopoietisch.
Zudem sind psychische Systeme oder gar Menschen nicht Teil der
sozialen Systeme. Ebenfalls eingeschränkt ist die Prognosefähigkeit
nicht nur sozialwissenschaftlicher Theorie und Empirie welcher
Provenienz auch immer (24), sondern auch und
vor allem systemtheoretischer Aussagen, da die eigentlichen "Akteure"
die selbstreferentiellen Systeme sind. Diese Arbeit kann daher
auch aufgefaßt werden als selbstreferentielle Operation
des Wissenschaftssystems und damit auch als selbstreflexive Beschreibung
der modernen Gesellschaft. Sie teilt daher die Zeitorientierung
der letzteren, ist ebenso wie die moderne Gesellschaft nicht auf
die Reproduktion traditioneller Strukturen, sondern auf eine offene,
unbekannte und deshalb als riskant erfahrende Zukunft ausgerichtet.
So vermag zwar auch die Wissenschaft mittels Prognosen die Zukunft
nicht vorauszusagen, aber durch die Theorieentscheidungen der
Gegenwart die Erkenntnisfähigkeit auch für die Zukunft
sichern.
(10)S. Niklas Luhmann: Individuum, Individualität, Individualismus, a. a. O., 1993, S. 187 ff.
(14)S. Niklas Luhmann: Liebe als Passion, a. a. O., 1992, S. 65
(19)Hartmann Tyrell: Romantische Liebe, a. a. O., 1987, S. 588
(22)S. Niklas Luhmann: Liebe als Passion, a. a. O., 1992, S. 187 ff
Fichte, Johann Gottlieb: Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre [1796]. Mit Einleitung und Registern von Manfred Zahn. 1. Aufl. Hamburg 1979
Goulemot, Jean Marie: Gefährliche Bücher. Erotische Literatur, Pornographie, Leser und Zensur im 18. Jahrhundert. 1. Aufl. Reinbek bei Hamburg 1993
Günther, Gotthard: Wahrheit, Wirklichkeit und Zeit, die transzendentalen Bedingungen einer Metaphysik der Geschichte, in: ders.: Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik. Bd. 1. 1. Aufl. Hamburg 1979, S. 1-10
Lamott, Franziska: Virginität als Fetisch. Kulturelle Codierung und rechtliche Normierung der Jungfräulichkeit um die Jahrhundertwende, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 21, 1992, S. 153-170
Lehmann, Christine: Das Modell Clarissa. Liebe, Verführung, Sexualität und Tod der Romanheldinnen des 18. und 19. Jahrhunderts. 1. Aufl. Stuttgart 1991
Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft. 2. Aufl. Frankfurt am Main 1989
ders.: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. 4. Aufl. Frankfurt am Main 1991
ders.: Beobachtungen der Moderne. 1. Aufl. Opladen 1992
ders.: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität. 6. Aufl. Frankfurt am Main 1992
ders.: Interaktion in Oberschichten: Zur Transformation ihrer Semantik im 17. und 18. Jahrhundert, in: ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bd. 1. 1. Aufl. Frankfurt am Main 1993, S. 72-161
ders.: Individuum, Individualität, Individualismus, in: ders.: Gesellschaftstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bd. 3.1. Aufl. Frankfurt am Main 1993, S. 149-258
ders.: Die Autopoiesis des Bewußtseins, in: ders.: Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch. 1. Aufl. Opladen 1995, S. 55-112
Stanitzek, Georg: Blödigkeit. Beschreibungen des Individuums im 18. Jahrhundert. 1. Aufl. Tübingen 1980
Tyrell, Hartmann: Romantische Liebe - Überlegungen zu ihrer "quantitativen Bestimmtheit", in: Dirk Baecker u. a. (Hrsg.): Theorie als Passion. Niklas Luhmann zum 60. Geburtstag. 1. Aufl. Frankfurt am Main 1987, S. 570-599
Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden
Soziologie. 5., revidierte Aufl., besorgt von Johannes Winckelmann.
Tübingen 1980