Einleitung

Ich möchte hier die Grundzüge der struktur-funktionalen Theorie darstellen, als ein von Talcott Parsons "entwickeltes Schema sozialwissenschaftlicher Kategorien zur Analyse sozialer Phänomene" (Hillmann S. 847).

Parsons wurde 1902 in Colorado Springs geboren, er starb 1979 in München. Er strebte an, eine einheitliche Theorie des menschlichen Handelns zu schaffen, wobei er sich auch auf Annahmen von Emil Durkheim, Max Weber und Vilfredo Pareto stützte (vgl. Hillmann S. 652).

Der Text ist folgendermaßen gegliedert:


Abbildung 1-1. Gliederung des Textes.

Nach der Erläuterung zentraler Begriffe für die struktur-funktionale Theorie werde ich auf die fundamentalen Systeme der "Lebenswelt" eingehen. Eines dieser Systeme ist das Handlungssystem, daß ausführlich gesondert behandelt wird. Als Beispiel für ein Handlungssystem wird im folgenden das komplexeste Sozialsystem, die Gesellschaft, beschrieben.
Als nächstes werde ich mich wieder dem Handlungssystem zuwenden und daraus den internen Funktionsbereichen.

Definitionen zentraler Begriffe der struktur-funktionalen Theorie

Handlung

Jede Handlung besteht aus einer Reihe struktureller Komponenten:

1) Bedingungen und
2) zur Verfügung stehende Mittel des Handelns als gegebene Situation,
3) die subjektiven Ziele der Akteure,
4) Normen
5) und Motivationen zum Handeln (vgl. Morel S. 150)

Struktur

"Der Strukturbegriff bezeichnet [...] Systemmerkmale, die in einem bestimmten Rahmen im Vergleich mit anderen Elementen als Konstante gelten können" (Morel S. 150/151) (z. B. die Verfassung eines Staates). Die Strukturen eines Systems sind immer unentbehrlich für ein System, indem sie helfen, die Bedürfnisse des Systems zu erfüllen und so dessen Überleben bzw. Funktionieren langfristig zu sichern.

System

"Phänomene, die eine Struktur aufweisen" (Morel S. 151), mit deren Hilfe sie sich von ihrer Umwelt abgrenzen können, "können als Systeme behandelt werden" (Morel S. 151). In Parsons Handlungstheorie sind Systeme offene Systeme, die zueinander und zur Umwelt in Austauschbeziehungen stehen (vgl. Morel S. 151).

Funktion

Der Begriff der Funktion bezeichnet "die Wirkung eines sozialen Elements, das einen Beitrag zur Verwirklichung eines bestimmten Systemzustands und zur Erhaltung und Integration eines sozialen Systems leistet" (Hurrelmann S. 41).
Funktionalität ist abzugrenzen vom Begriff der Kausalität, also von einem eindeutigen, asymmetrischen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung, zwischen eindeutig unabhängigen und abhängigen Variablen.

Als Beispiel möchte ich hier die Regenmacherzeremonie primitiver Gesellschaften nennen:
a) eine kausale Erklärunge in einem religiösen Kontext wäre: Wird diese Zeremonie durchgeführt (Ursache), werden die Götter versöhnlich gestimmt (Wirkung),
b) eine funktionale Erklärung wäre: Die Regenmacherzeremonie hat die Funktion für die Gemeinschaft, den sozialen Zusammenhalt zu fördern (vgl. Reimann S. 179).

Das Denken in Funktionen betont das "Auch Anders Möglich Sein" (Begrifflichkeit von Luhmann) von sozialen Phänomenen (vgl. Morel S. 150). In der Regel kann ein bestimmter Sachverhalt (z. B. Regenmacherzeremonie) auf mehrere Strukturmerkmale (z. B. sozialer Zusammenhalt, Überlieferung und Festigung kultureller Werte) funktional bezogen werden. Andererseits kann ein Strukturmerkmal (z. B. sozialer Zusammenhalt) durch mehrere Sachverhalte (neben der Regenmacherzeremonie andere Stammes-Rituale) erfüllt werden (funktionale Äquivalente) (vgl. Reimann S. 182/183).

"Die Welt" als System

Parson kategorisiert verschiedene Ebenen der Systembildungen, die in der menschlichen Lebenswelt vorkommen.


Abbildung 3-1. Systeme in der Form von "Welt".

Physikalisch-chemische Systeme bezeichnen anorganische Systeme (z. B. Molekühle, Kristalle), unter biologischen Systemen sind lebende Organismen zu verstehen, soziale Einheiten von Menschen generieren Handlungssysteme und telische Systeme beschreiben nicht-empirische, über-natürliche Realitäten (Morel S. 151/152).

Sie sind untereinander durch gegenseitige Durchdringung und kybernetische Kreisläufe (sich selbst regelnde Kreisläufe mit Rückkopplungsprozessen) verbunden, um einen Gleichgewichtszustand zu erreichen. "Von unten nach oben" sind sie durch Stufen von unbedingten Vorraussetzungen - "jedes System auf einer bestimmten Entwicklungsstufe verwendet Elemente der unteren Stufen zum eigenen Aufbau" (Morel S. 151) - gekennzeichnet.

Im folgenden werde ich mich ausschließlich mit Handlunssystemen beschäftigen.

Bestandteile von Handlungssystemen, das AGIL-Schema

Nach Parsons ist es möglich, die wesentlichen Funktionsbedingungen jedes Handlungssystems auf vier zu reduzieren, die aber auf jeden Fall erfüllt sein müssen (vgl. Parsons S. 172, vgl. Morel S. 157).

Parsons gewinnt diese Grundfunktionen durch die Überkreuzung zweier Dimensionen, "die beide für Systembildungen im allgemeinen gelten und sich direkt aus der Definition von Systemen ableiten lassen" (Morel S. 157).

Die erste Dimension ist die intern-extern Dimension. Systeme grenzen sich von ihrer Umwelt ab, daher kann man Prozesse des Systems intern oder extern motivierten Beziehungen zuordnen. So entsteht eine räumliche Achse "innen - außen". Sozialisation bespielsweise ist der Ausprägung "intern" zuzuordnen, Wirtschaft der Ausprägung "extern".

Die zweite Dimension bezieht sich auf die Zeit. "In der Zeitdimension betrachtet gibt es Eigenschaften und Prozesse von Systemen, die durch ihren unmittelbaren Gegenwartsbezug bzw. einen längeren Zeithorizont [...] bestimmt sind" (Morel S. 157). So entsteht eine zeitliche Achse "instrumentell - konsumatorisch". "Konsumatorische Systemkomponenten beziehen sich auf Ziele, die ihrerseits nur durch den Einsatz von Mitteln (Instrumenten) erreicht werden können" (Morel S. 157).

"Überkreuzt man die ,,räumlichen" und ,,zeitlichen" Dimensionen, so ergeben sich vier notwendige Grundfunktionen [...]: Adaption, Zielerreichung [...], Integration und latente Strukturerhaltung [...], kurz: das AGIL-Schema" (Morel S. 157).


          instrumentell (Mittel)         konsumatorische (Ziele,        
                                         Zwecke)                        

externer  Die Funktion der Adaption      Die Funktion der               
Bezug     (Anpassung) bedient das        Zielverwirklichung             
          Behaviorale System: ein        (Goal-attainment) bedient das  
          System sinnhafter              Psychische System              
          "Organisation körperlicher     (Persönlich-keit): ein         
          Abläufe" (Morel S. 158) zur    System, bestehend aus          
          Anpassung an die               "erlernten Komponenten der     
          materiell-organische Umwelt    Organisation" (Parsons S.      
          (vgl. Reimann 202).            165) von Verhalten eines       
                                         Menschen.                      
                                         Gemeint ist das, was           
                                         innerhalb von Sozialsystemen   
                                         als Rolle bezeichnet wird.     

interner  Die Funktion der latenten      Die Funktion der Integration   
Bezug     Struktur-Erhaltung (L)         (I) bedient das                
          bedient das                    Sozialsystem: Sozialsysteme    
          Kultursystem: Es konstituiert  sind konkrete Kollektive mit   
          sich aus einer Struktur "Sinn  bestimmten Mitgliedschaften    
          stiftender Regeln und          und festgelegten Rollen        
          Symbolen" (Morel S. 158); im   (Parsons 165).                 
          großen und ganzen              Angestrebt werden soll eine    
          repräsentiert es das, was mit  gegenseitige Anpassung der     
          Werten bezeichnet wird. Diese  Sozialsysteme zueinander im    
          sind latent vorhanden und      Handlungssystem durch das      
          strahlen "im Hinblick auf      Kultursystem (vgl. Reimann S.  
          langfristige                   202)                           
          Entwicklungsprozesse eine                                     
          prägende Kraft" (Morel S.                                     
          158) aus.                                                     



Tabelle 3-1. Das AGIL-Schema.

Da jedes dieser Systeme ein offenes System darstellt, steht es in komplizierten Austauschprozessen mit seiner Umwelt und in ihr mit anderen Systemen (Interpenetration, d. h. gegenseitige Durchdringung der Systeme) (vgl. Parsons S. 166, 167).

Jedes der oben genannten Subsysteme des Handlungssystems läßt sich auf Grundlage des AGIL-Schemas weiter differenzieren. (vgl. Morel S. 157). Am Beispiel der Gesellschaft, dem komplexesten Handlungssystem, möchte ich im folgenden die vier Grundfunktionen des Subsystems Sozialsystem darstellen.

Die Gesellschaft

Die Gesellschaft besteht "aus einem Netz interdependenter und interpenetrierender Subsysteme" (Parsons S. 184). Jedes Subsystem operiert auf der Basis seiner normativen Struktur und gemäß seiner Funktion.


{A}daption                {G} Zielverwirklichung    

Wirtschaft:               Politik:                  
"Die ökonomische          Ziele werden generiert,   
Funktion bezieht sich     gegeneinander             
[...] auf die Produktion  abgestimmt, "die für die  
und Allokation von [...]  Gesellschaft als System   
(verfügbaren)             entscheidend sind"        
Ressourcen" (Parsons S.   (Parsons S. 198)          
201)                                                

"Aufrechterhaltung einer  Bereich "der sozialen     
Grundstruktur             Kontrolle und des         
verinnerlichter           Rechtssystems" (Hillmann  
kultureller Elemente"     S. 11)                    
(Hill-mann S. 11)                                   

{L}atente                 {I}ntegration             
Strukturerhaltung                                   



Tabelle 3-2. AGIL-Schema der Gesellschaft .

Die einzelnen Funktionssysteme sind zwar funktional voneinander getrennt, sie beeinflussen sich aber erheblich.


Abbildung 3-2. Transferprozesse zwischen Subsystemen der Gesllschaft.

Die ökonomischen und politischen Institutionen "sind in das System formalen Rechts eingebettet" (Parsons S. 209). Die kulturellen Elemente generieren das normative System. Da ihre bloße "'Ausstrahlungskraft'" (Parsons S. 210) eine Geltung nicht manifestieren könnte, hängt sie vom Grad der Institutionalisierung der Werte ab. Eine ausreichende Kapitaldecke, gewährleistet durch das ökonomische System, ist unerläßlich für effektives Handeln der Gesellschaft (vgl. Parsons S. 208).

Die interne Dimension des Handlungssystems: die Funktionsbereiche "Integration" und "latente Strukturerhaltung"

Nach der Erläuterung der Subsysteme der Gesellschaft, möchte ich nun zum abstrakten Handlungssystem zurückkommen und zwar im speziellen zur internen Dimension des Handlungssystems. Die externe werde ich nicht gesondert behandeln.

Der Funktionsbereich "Integration"

Parsons definiert eine Abfolge normativer Kategorien (s. Abbildung 4-1, "von innen nach außen"), die den Funktionsbereich "Integration" bestimmen. Die Bildung der normativen Kategorien geschieht auf der Grundlage institutionalisierter Werte.


Abbildung 4-1. Der Aufbau normativer Kategorien.

Der Begriff der Rolle (normatives Element für die Teilnahme im Kollektiv) (vgl. Parsons S. 183)

"In den Rollen wird festgelegt, wer welche Aufgaben im Rahmen eines Kollektivs auf Grund einer bestimmten Position zu übernehmen hat", zum Beispiel die Mitglied in einer Gewerkschaft (Morel S. 158).
Rollen gewährleisten eine gewisse Stabilität der Interaktion, gesicherte Erwartungen und Vorraussagen (vgl. Parsons 179 f.).

Der Begriff des Kollektivs (normative Kultur für konkrete Interaktionssysteme) (vgl. Parsons S. 183)

Es ist ein System von Interaktionen einer Vielzahl von Rollenträgern, das durch gemeinsame Normen gesteuert wird.
Im Kollektiv treten Persönlichkeiten nicht als Persönlichkeiten auf, sondern in Form ihrer Rollenbeiträge, die sie im Rahmen dieser Beiträge zur Übernahme von Leistungen verpflichten, die ihnen aber auch die Beanspruchung von Rechten ermöglichen (vgl. Parsons 181).

Normen

"Die Normkomponente ist die Menge von universalistischen Regeln", (Parsons S. 183) die die Handlungen von Einheiten im System (Rollen, Kollektive) strukturieren.

Werte

Werte (normative Muster wünschenswerter Orientierung für das System als Ganzes) (vgl. Parsons S. 183)

Werte werden von Parsons nicht mehr dem Funktionsbereich "Integration" zugeordnet, sondern dem der "latenten Strukturerhaltung". Sie bilden den normativen Überbau für das System als ganzes.
Werte beziehen sich weder auf Situationen (Rolle), noch auf Funktionsbereiche (Kollektive), ganz im Gegensatz zu Normen, die diese Teile strukturieren. Werte "legitimieren" Normen lediglich (vgl. Parsons 182, 183).

Der Funktionsbereich "Latente Strukturerhaltung"

Welche Bereiche sind es nun, die diese Funktion exklusiv bedienen; Bereiche also, die normative Muster für ein komplexes System generieren?

Externale Bereiche

Religion ist ein Element, das entscheidend dazu beiträgt, Werte zu generieren und zu erhalten (vgl. Parsons S. 213). Daneben ist aber auch die Wissenschaft zu nennen, deren "Wahrheiten" ein entscheidender Einfluß zukommt.

Der internale Bereich: die Sozialisation

Während religiöse Werte und wissenschaftliche Erkenntnis eher einen äußeren Rahmen bilden, zielt die Sozialisation auf einzelne Individuen im Sozialsystem (vgl. Parsons S. 214). Das Ziel der Sozialisation ist die Anpassung (Assimilation) neuer "Gesellschafts-Mitglieder" in allen Funktionsbereichen (vgl. Parsons S. 215).

"Im Prozeß der Sozialisation nimmt der Handelnde schrittweise die Erwartungen und Verhaltensmaßstäbe des sozialen Systems auf" (Hurrelmann S. 42). Der Prozeß ist gekennzeichnet von einem immerwährenden Durchlaufen von unterschiedlich strukturierten und sich zunehmend differenzierenden Rollenbeziehungen (vgl. Hurrelmann S. 43). Mit fortschreitendem Alter sollen die Kinder mit Systemzuständen konfrontiert werden, die immer komplexer, mit längeren Zeithorizonten und schwierigeren Verhaltensanforderungen gestaltet sind (vgl. Tillmann S. 31 f.). Dieser Prozeß beginnt im Rahmen von Verwandtschaftseinheinheiten, insbesondere der Kernfamilie, geht über Bildungsinstitutionen hin zur Übernahme komplexer Rollen im Berufsleben.

Sozialisation bedeutet also in diesem Kontext, daß neue Gesellschaftsmitglieder zu bestimmten Funktionen sozialisiert werden, um ein weiteres Funktionieren des Gegebenen Ganzen zu gewährleisten.

Literatur

Hurrelmann, Klaus: Einführung in die Sozialisationstheorien.Weinheim und Basel 1990.

Morel, Julius u. a.: Soziologische Theorie. Abriß der Ansätze ihrer Hauptvertreter. München 1993.

Parsons, Talcott: Grundzüge des Sozialsystems. Aus: ders.: Zur Theorie des Sozialsystems. Opladen 1976.

Reimann, H. u. a.: Basale Soziologie: Theoretische Modelle. Opladen 1991.

Tillmann, K.-J.: Sozialisationstheorien. Reinbek 1989.

Hillmann, K.-H.: Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart 1994.

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